Ich weiß nicht, ob es das in der Psychologie wirklich gibt oder es sich um eine dieser Thesen handelt, die unwidersprochen bleiben und dann irgendwann als Tatsache gelten, aber: viele Menschen sehen überall Titten. Malt man Kreise oder Vierecke auf ein Blatt und hält diese Tintenflecke dann dem Betroffenen vor Augen, schreit er „Brüste!“. Vielleicht auch „Titten, Titten, Titten“, das geht jetzt noch eine ganze Weile so, obwohl der Stil einigen meiner Überzeugungen widerspricht. Die Titte Riesas ist der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt, Wolfram Köhler. Ich will ihn damit nicht herabsetzen. Köhler regierte einst die Stadt und gebar irgendwann die Idee, dass sich Riesa zusammen mit Leipzig um die Sommerolympiade bewerben sollte. Deswegen ist Köhler heute in der Stadt recht umstritten, um das Mindeste zu sagen, er gilt als größenwahnsinnig und sowas. In der Stadt sind allerdings viele Menschen recht umstritten, manchmal denke ich, an die sechs Milliarden, aber das denke ich nur an schlechten Tagen. Köhler nimmt im Range des Umstrittenen eine besondere Rolle ein, da er nicht nur der Manager des Moderators Axel Schulz ist, sondern einer weiteren Immobilie, nämlich der beliebten Riesaer Erdgasarena. Man verschwendet viele Zeilen, wenn man das alles auswälzen will, deshalb ganz grob. Der Stadt wird die Arena zu teuer, in der lokalen Berichterstattung nimmt das großen Raum ein und ein Großteil der Riesaer schreit. „Wir darben, Schuld trägt allein Tittenköhler!“ Des öfteren habe ich im Lokalblatt schon über die Erdgasarena geschrieben. Ziemlich häufig sagte ich dazu was ich denke, nämlich, dass die Stadt Riesa keine Arena braucht, ein ICE-Halt reicht an Luxusprodukten. Der Meinung bin ich auch heute noch. Außerdem schrieb ich mal in einem überregionalen Medium wenig unverblümt davon, dass ich Köhler einen Phallus-Komplex unterstelle, das war nicht sehr nett von mir. Köhler und ich haben heute ein recht rationales Verhältnis, wir grüßen uns höflich, und er macht keine Witze über meinen Namen. Das bedeutet schonmal was in Riesa, dazu später mehr. Kurzer Exkurs. Ich habe mal eine Geschichte über einen Nachfahren eines sächsischen Prinzen geschrieben und darin erklärt, dass ich denke, dieser Mann lebe etwas sehr in der Vergangenheit und ein bürgerliches Leben überfordere ihn. Ich will sagen, dass ich damals lange ein schlechtes Gewissen hatte, es peinigte mich, da ich merkte, dass das ja alles so sein mag, aber eigentlich ist das die Sache des Prinzen, nicht meine und schon gar nicht die von rund 400.00 Zeitungslesern. Ich schreibe solche Geschichten jetzt nicht mehr, sie überfordern mich moralisch und außerdem gibt es für solche Sachen genügend andere Journalisten. Ich finde diese Haltung haltenswert und wünsche mir, dass es andere, die über mich sprechen, auch so halten könnten. Doch in Riesa ist es, wen wundert's nun, etwas anders, zumindest, wenn Wolfram Köhler ins Spiel kommt. Da brennen Sicherungen durch, so vorhanden. Hier gibt es zum Beispiel den Leiter einer örtlichen Kulturwerkstatt, ein Mann mit festen Überzeugungen und einen hohem Grad an Engagement für seine Stadt. Problematisch ist gerade aus Sicht vieler und meiner, dass er momentan etwas zu eng mit dem Rathaus anbandelt und das einige Fragen aufwirft. Lokalpolitik, über die man berichten kann. Sollte. Ich berichtete darüber. Titten! Wer mir das alles „einflüstert“, fragt der Leiter der Kulturwerkstatt nun in einem scheinbar eigens dafür eingerichteten Blog, ohne Zweifel daran zu lassen, dass Tittenköhler derjenige ist. Warum ich in einem Interview mit Olaf Schubert einen Witz über Köhler mache, könne ich an nichts anderes mehr denken? Dass ich als „Gastjournalist“ in Leipzig lebe, auch so ein zweifelhafter Charakterzug. Außerdem schreibt er mies über Nudelwalther, was ich ihm wirklich übel nehme. Und dass ich einen lustigen Nachnamen habe, „ich hör dich trappen“, schreibt er, der Chef der Kulturwerkstatt. In seinem Blog kann man nicht kommentieren, er habe Angst vor zu viel Lob. Ich achte den Mann immer noch, denke nur inzwischen, er hat sich da in was verrannt. Alleine ist er mit der Köhler-Manie nun nicht. Neulich telefonierte ich mit einem Rathausmitarbeiter, es ging um die Absage des „Boulevards der Weltmusik“, eine Veranstaltung mit internationalen Künstlern. Die Recherche war abgeschlossen, als ich zurückgerufen wurde. Ihm sei da noch was eingefallen, warum das Mini-Festival abgesagt wurde. Ich fragte, ob es vielleicht an Wolfram Köhler liegt? Er sagte Ja. Epilog Vor kurzem durfte ich einem Besuch einer Riesaer Delegation des Rathauses im Berliner Verkehrsministerium beiwohnen, es ging um den Ausbau einer Bundesstraße nach Riesa. Zur Untermauerung der Forderung hatte die Delegation sich etwas Besonderes ausgedacht, für die Vertreter im Bundesministerium in Berlin: Ein Delegationsmitglied verkleidete sich als Urmensch und brachte eine Mehrliterflasche Bier mit und schwang eine Keule (ich habe Fotos). Man hat nämlich jetzt wirklich mal genug von diesem Köhler-Größenwahn. More
2011-02-21