Der sympathische Riesaer NPD-Stadtrat und Landtagsabgeordnete Jürgen Werner Gansel will gerne mit mir befreundet sein. Bei Facebook. Mit dem nachdenklichen Blick eines NPD-Intellektuellen, das heißt das Gesicht auf die sinnierend geballte Faust gelehnt, blickt er mich nun schon seit Wochen vorwurfsvoll an und wartet auf die Bestätigung, dass ich seine Freundschaftsanfrage annehme. Geht aber auch ohne, Gansels Pinnwand-Einträge kann man ja auch so betrachten, zum Beispiel den Youtube-Clip von Didi Hallervorden, den Gansel offenbar sehr mag, oder jenen des anderen berühmten NPD-Comedians Micha Schäfer, der gerade um den Einzug in den Magdeburger Landtag kämpft und dafür ein sehenswertes Video produziert hat, da bleibt keine Auge trocken. Anderes Thema, Kontextualisierung folgt. Es gab früher im Riesaer Stadtrat immer so Szenen, die man mir als arrogant auslegen konnte, immer dann, wenn ich meinen Kopf in die Hand vergrub und mich auf der Zuschauertribüne schmerzhaft krümmte. Das sah wahrscheinlich sogar sehr arrogant aus. Es krümmte mich, wenn ein Stadtrat etwas zitieren wollte, aus dem Faust oder irgendwas von Heine. Es ging eigentlich immer daneben, sei es durch das komplette Durcheinanderbringen des Zitierten, das falsche Zuordnen des Autors, das komplette Missverstehen des Zitats oder das einer inneren Bücherverbrennung gleichkommende Versächseln des Gesagten. Das ist nur eine Anekdote des im Umgang mit Worten oft recht fahrlässig agierenden Stadtrats. Heute sind alle bei Facebook. Riesaer Politiker auch. Sie machen da jetzt alles rein, was sie früher anders los geworden sind, im Stadtrat zum Beispiel. Vor kurzem gab es eine verheerende Multi-Katastrophe in Japan. Auch in Riesa ist das angekommen, die Nachricht, irgendwie. Ich weiß nicht, ob es im nächsten Stadtrat Thema sein wird. In der Riesaer Facebook-Gemeinde ist es das auf jeden Fall, und ich hoffe, dass die Diskussion den virtuellen Raum nicht verlassen wird, ich ahne nämlich, dass es diesmal nicht bei einem Zitat aus Heinrich Heines Faust zur Atomkraft bleiben würde. Es war am einem Sonntag, als die ersten Nachrichten über das Beben und den Tsunami für einige Betroffenheit auch in Riesa sorgten, zu sehen an einer Diskussion auf der öffentlich zugänglichen Facebook-Seite der Riesaer Oberbürgermeisterin. Eine Diskussion – über Frühlingsblüher. Genauer gesagt, Märzenbecher. Die blühten jetzt im Riesaer Ortsteil Jahnishausen, hieß der Hinweis, man sollte sich das doch mal anschauen, trotz der Weltlage. Es entspannte sich eine längere Diskussion um die Schönheit von Märzenbechern und ihre Bedeutung vor dem Hintergrund kollabierender Kernkraftwerke, die mit einem Kommentar eines Vereins von Riesaer Kunsthandwerkern, dem WKG Gostewitz, recht bündig zusammengefasst ist: „Um wahres Glück zu finden, darf man nicht immer das Große und Ganze sehen. Deswegen sind die Märzenbecher mehr wert als Sie glauben wollen.“ Das muss man in Deutschland ja wohl noch sagen dürfen. Die Facebook-Seite der Oberbürgermeisterin wurde dann für mich ganz spannend, ich bin immer interessiert an neuen Perspektiven, zumal bei verzweifelter Weltlage. Am Dienstagabend, die Nachrichten über eine unbewohnbar gemachte Küstenregion, zehntausend Vermisste und eine drohende Kernschmelze dominierten auch in Riesa erhältliche Zeitungen, erregte folgender Eintrag der Oberbürgermeisterin viel Wohlwollen und eine lange Diskussion: „Japan bittet die EU um Hilfe! Sie könnten doch alle Beamten einsetzen, die sich um die Größe von Gemüse kümmern.“ Okay. Der Riesaer Grünen-Stadtrat machte gleich mal mit. Und erklärte, dass man doch „noch ein paar Beamte aus den Bildungsagenturen“ hinterher schicken könnte, „die mit ihren ewig neuen Statistiken und bürokratischen Anweisungen das Lehren an den Schulen immer schwerer machen“. Der örtliche Polizeikommissar mahnte dann glücklicherweise um etwas Zurückhaltung bei der Debatte darüber, welchen Beamtenkreisen mit radioaktiver Strahlung ganz gut getan wäre. Die Oberbürgermeisterin war schon zu Bett, „trotz der Weltlage“ und auch der grüne Stadtrat hatte sich wieder im Griff und verwies darauf, dass das ja doch alles ganz schön schlimm sei. Nun wachte der sächsische FDP-Politiker Johannes Lohmeyer auf, der dann ein paar Tage später in seinem Blog erklären wird, dass er sich wegen der deutschen Reaktionen auf die Reaktorkatastrophe gerade dafür „schäme, ein Deutscher zu sein“. Den Facebook-Atomwitze-Wettbewerb versuchte er zuvor dadurch zu entschärfen, indem er vorschlug, man könnt die Grünen-Chefin „Claudia Roth rüberschicken. Sie würde sofort abgeschaltet und mit Meerwasser gekühlt.“ Wenig später war es dann wie damals bei Tschernobyl. Lohymer erklärte, die Situation in Japan sei unter Kontrolle und bliebe wahrscheinlich ohne schlimmere Folgen. Nachdem Lohmeyer noch den „Hirnfallout“ der politischen Gegner feststellte, verabschiedete er sich in die Nacht. Die Oberbürgermeisterin, erklärte sie jüngst bei Facebook, liest gerade Gedichte von Fontane. So wie das früher alle gemacht haben von den Riesaer Politikern. Es war nicht alles schlecht früher. More
2011-03-18