Vorsichtig öffnete er die Tür, nur einen Spalt, und lauerte kauernd in den dunklen Hausflur. Nix bewegte sich, durch das Treppenhausfenster dämmerte bleiches Mondlicht und beleuchtete die stille Szenerie. Der Hausflur war kühl und leer, nur eine braune Einkaufstüte stand etwa einen Meter von der Haustür entfernt. Zögernd zog er die Tür noch ein paar Zentimeter weiter auf. Das Klingelschild war ordentlich beschriftet und zeigte seinen Namen: Max Gernot. Doch der Mann mit dem fettigen Haaren, hinter denen seine intelligenten Augen hervorblitzten hatte nichts mehr mit dem Max Gernot zu tun, der vor gut 2 Jahren in dieses Hochhaus am Stadtrand gezogen war. Was einmal ein gepflegter Mann mit legerem Hemd und Stoffhose war, war nun ein nervöuser aber konzentrierter Jäger, nur mit einer Boxershorts und einen fleckigem T-shirt bekleidet.
Vorsichtig wagte er einen Schritt hinaus in den Flur, verharrte kurz, angespannt schnappte sich dann mit einem schnellen Schritt die braune Packpapiertüte und verschwand mit einem hastigen Satz wieder im Wohnungsinneren. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sank er an der Wand nieder,schloss die Augen und atmete tief durch. Er hatte es geschafft ! Er hasste diesen Moment, den er jede Woche durchleben musste, doch es war notwendig. Er schaute in die Tüte. Es war alles da was er haben wollte: ein paar Röhrchen mit Multivitamintabletten und Tiefkühlpizza, ein paar Bier.
Er nahm die Sachen an sich und schlurfte durch den dunklen Wohnungsflur in die Küche. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fand er seinen Weg vorbei an den kleinen Bergen leere Konserven- und Bierdosen, seine Augen hatten sich schon längst an die Dunkelheit in seiner Wohnung gewöhnt.
Er stellte das Bier in den Kühlschrank, nur so aus Gewohnheit, denn der Strom war nun schon seit 8 tagen abgestellt, kein Wunder, schliesslich hatte er seit Monaten keine Rechnung mehr beglichen, auch seine Miete würde über kurz oder lang nicht mehr von seinem Konto abgebucht werden können. Doch darüber machte er sich keine Gedanken. Er riss die Folie einer Pizza ( Salami) ab und liess sie achtlos auf den Boden flattern. Der Gasherd funktionierte noch, er legte die kalte Scheibe auf das fettige Rost, klappte den Backofen zu und kauerte sich auf den Boden,hin und herschaukelnd. Er dachte dran wie Alles begonnen hatte, während er mit gierigen zügen die erste Bierdose leerte.
Wie lang war das jetzt her ? Er wusste es nicht, es müssten jedoch gut 3 Monate gewesen sein. Eines Tages stand er auf und ging einfach nicht mehr zur Arbeit. Er konnte nicht! SIE waren da draussen und er konnte sich ihnen nicht mehr stellen. Er hatte es ja versucht, doch es fiel ihm immer schwerer. Seine Freizeit verbrachte er schon seit längerem Zuhause, verliess die Wohnung nur, um zur Arbeit zugehen oder ein paar Einkäufe zu erledigen. Es fiel ihm immer schon schwer,sich unter ihnen zu bewegen, doch an diesem Morgen erschöpfte seine letze Reserve Durchhaltevermögen. Er rief siene Nachbarin an und bat sie, doch in Zukunft ein paar Besorgungen für ihn zuerledigen, er sei krank und könne daher das Haus nicht verlassen. Die Nachbarin stellte keine großen Fragen, in diesem Haus hatten die meisten Leute irgendwelche kleinen Eigenarten und seither brachte sie ihm Nahrungsmittel und stellte die braunen Tüten vor seine Haustür.
Nach diesem Anruf hatte das Telefon niemehr geklingelt. Er hatte es aus der Wand gerissen und ins Tiefkühlfach gelegt. "Gefrorene Stille, gegorene Stühle, verlorene Mühle", hatte er er dabei wie ein Mantra immerwieder vorsich hin gemurmelt.
Das Bier war leer, er nahm sich eine neue Dose aus dem dunklen ,muffigen Kühlschrank und ging in sein Wohnzimmer. Die Pizza hatte er komplett vergessen, sie würde schwarz werden wie die letzten 2 davor. Doch das spielte jetzt keine Rolle, er ging zu seinem einzigen Freund, der im geblieben war und der immer zu ihm hielt. Es hatte sich keiner gewundert, als er nicht mehr aufgetaucht war. Er pflegte keine Bekanntschaften, seine Arbeitsstelle wird im sicher geschrieben haben, doch er hatte seinen Briefkasten ja nicht mehr geleert. er brauchte sie auch alle nicht und wenn er ehrlich war: er hatte Angst vor ihnen. Ja, vor ihnen alle, er konnte ihren Anblick nicht ertragen, ihre Nähe nicht erdulden, ihre Blicke nicht aushalten, ihr Geruch verursachte Brechreiz, allein der Gedanke an die anderen Menschen verursachte ihm Übelkeit.
In den vergangen Tagen hatte er an der kompletten Nordseite seines Wohnzimmers die Tapete abgekratzt, mit seinen blossen Händen, die Fingernägel blutig geschabt. Jetzt kniete er nieder an dieser Wand, die leere Bierdose hatte er irgendwo auf dem Weg hierhin fallen gelassen. Er legte sein Gesicht an den rauhen Stein, seine Hände streichelten über die nackte wand, er sein Atmen ging endlich etwas langsamer. Er schloss die Augen , presste sich noch ein Stück fester an die Wand.
"Mein Freund Beton", dachte er. " Beschütz` mich".
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