Es ist ein bisschen ironisch, aber während meines Studiums zum Bibliothekar komme ich zu einer Sache überhaupt nicht mehr: zum Bücher lesen. Ob das nun tatsächlich am Studium liegt oder am generellen Versagen beim Zeitmanagement „bin ich noch am ausklabüstern“. 2006 jedenfalls war ich einmal bei einer Lesung des Soziologen Hartmut Rosa (es war WM im eigenen Lande, zeitgleich spielte Deutschland gegen Schweden, es war also eine sehr kleine Veranstaltung). Dieser beschäftigt sich mit der Beschleunigung der Gesellschaft, hat seinerzeit den Begriff der Entschleunigung geprägt und der Zeit vor einigen Tagen ein interessantes Interview gegeben. In diesem legt er dar (mein Gott, diese Hausarbeiten-Schreibe macht mich ganz kirre), dass die generelle Beschleunigung der Zustände, die dafür sorgt, dass man keine Bücher mehr liest, gesellschaftlich verankert ist. Ich persönlich also überhaupt nichts dafür kann, ätschibätsch. Die Unlust auf Bücher hat aber auch noch einen anderen Grund. Schauen wir uns doch einmal die Amazon-Verkaufscharts an: Kluftingers neuer Fall; Der dritte Fall für Carl Mørck; Commissario Brunettis neunzehnter Fall. Spoiler: Im erstgenannten ist der Täter ein Schwabe, im zweiten ein Däne und im dritten eine Amerikanerin. Die Täter sind in diesen Fällen nämlich die Autoren, die kostbaren Regalplatz mit Fließbandkrimis besetzen, austauschbarer Gebrauchsware, reinem Handwerk ohne Geist. Natürlich überkommt einen da die Unlust, überhaupt noch Bücher zu lesen, und wenn ich eines fernen Tages eine Bibliothek leite, wird meine erste Amtshandlung sein, sämtliche Bücher, in deren Titel das Wort Fall vorkommt, aus dem Bestand zu entfernen. More
2011-06-10