In Sachsen holt ein Verein Neonazis aus der Szene. Ohne Ideologie, ganz pragmatisch. Ein Bund sächsischer Anti-Rechts-Initiativen hat damit erhebliche Probleme. Es geht um eine Grundsatzfrage.
(zuerst erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
Als Michael Ankele kürzlich beschreiben sollte, was seine Klienten in ihm sehen, da neigte er den Kopf zur Seite, lächelte, und sagte: „Den Führer“. Es war nur ein halber Scherz. Seit sechs Jahren arbeitet der 52-Jährige inzwischen als freier Sozialarbeiter in der sächsischen Lausitz daran, Neonazi-Teenager aus der Szene zu holen. Und dass er inzwischen auf 90 erfolgreiche Fälle verweisen könne, das wollte Ankele mit seinem Führer-Scherz ausdrücken, habe wenig mit Umerziehung zu tun. Ihm gehe es zunächst darum, den Leuten klar zu machen, dass die Szene keine Familie, sondern eine Sackgasse ist, dass Ausbildung besser ist als Ausrasten. „Alles weitere kommt dann später“, sagt Ankele.
Michael Ankele, ein Mann mit gemütlichem Bauch und weicher Stimme, ist Pragmatiker, vor allem aber Einzelkämpfer. Seit 2005 arbeitet er als Sozialarbeiter in der Region Bautzen mit Aussteigern. Über Staatsanwälte, Polizisten und betroffene Eltern findet er Kontakt, auch die einschlägigen Szene-Treffs scheut Ankele nicht, um ausstiegswillige Neonazis zu treffen. Es folgt dann meist eine mehrjährige Intensivbetreuung bei der Suche nach einer Ausbildung, neuen Freunden und Selbstbewusstsein. Bei harten Fällen wird eine versteckte „Aussteigerwohung“ in einem sächsischen Dorf bereitgestellt, um Aussteiger vor wütenden Ex-Kameraden zu schützen.
Doch weniger auflauernde Neonazis bereiten Ankele dieser Tage Kopfzerbrechen. Für ihn geht es gerade darum, sich gegen Vorwürfe aus ganz anderen Kreisen zu wehren. Ein Bündnis von sächsischen Anti-Rechts-Initiativen macht Front gegen seine Arbeit. Diese sei „distanzlos“, es fehle die „sozialpädagogische Fachlichkeit“, nur zwei Vorwürfe.
Aufgesetzt ist das Schreiben von der Demokratie AG Ostsachsen, zu deren 16 Mitgliedern unter anderem der DGB Ostsachsen, die Gesellschaft Bürger und Polizei und die Regionale Beratungsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Dresden gehören. Die AG fasst damit Vereine zusammen, die im vom Rechtsextremismus besonders betroffenen Ostsachsen maßgeblich sind für Anti-Rechts-Aufklärung. Das Schreiben macht inzwischen die Runde im ganzen Freistaat. Auch beim sächsischen Innenministerium liegt es vor.
Allen Adressaten empfiehlt die AG eine „kritische Auseinandersetzung“ mit Ankeles Arbeit. „Fachlich problematisch“, heißt es, sei „Ankeles geringe Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch, zu Transparenz, zur Teamarbeit und insbesondere zur Selbstreflexion“. Auch eine „fehlende Mitarbeit in entsprechenden politischen Netzwerken“ wird moniert. Besonders kritisiert wird, dass Ankele zusammen mit Aussteigern Vorträge und Seminare an Schulen hält. Ankele verdient damit sein Geld, einen kleinen Teil davon kriegen die referierenden Ex-Nazis. „Pseudo-Aussteiger“ wären das, so die AG, die des Geldes willen mitmachten und „Rechtsradikalismus als Event vermitteln“.
Ankele kennt die Vorwürfe, sie begleiten ihn, seit er als Aussteigerbetreuer in Sachsen arbeitet. „Aber das ist sicher eine neue Dimension“, sagt er. Inzwischen erhalte er Anrufe von Schulen und Projektpartnern, die sich verunsichert zeigten. „Gerade jetzt, wo der Druck auf die Szene wächst, ist diese Geschichte extrem kontraproduktiv.“ Inzwischen beschäftigt sich der Anwalt von Ankeles Förderverein Projekt 21/II – ein Zusammenschluss unter anderem von betroffenen Eltern, Juristen und Polizeivertretern – mit dem Schreiben, es wird Unterlassung gefordert. Auch die Gegenseite, also die Demokratie AG, hat inzwischen einen Juristen eingeschaltet. Äußern will sich aus diesem Grund bei der AG und einzelnen Vereinen niemand zu dem Streit.
Bernd Wagner möchte es. Wagner ist Chef von „Exit“ in Berlin, einem Verein, der bundesweit Neonazis bei dem Ausstieg aus der Szene hilft. Wagner kennt Ankeles Arbeit sehr gut, die Arbeitsweisen der beiden ähneln sich. „Einige dieser Anti-Rechts-Initiativen sind der Meinung, dass ein Ausstieg nur ein Ausstieg ist, wenn der Neonazi danach zum kompletten Antifaschisten umgekrempelt ist“, sagt Wagner. „Das ist grundfalsch. Wichtig ist, dass die Leute in der Szene nicht mehr mitspielen. Denn dann werden sie nicht mehr straffällig. Ganz einfach.“ Grundlage des Positionspapiers sei „nicht belegbare Kritik“ sondern „pure Ideologie“. Und an dieser hätten Ex-Nazis nun gar keinen Bedarf.
Der Umgang mit Aussteigern im NPD- und NSU-Kernland Sachsen ist eine Grundsatzfrage, die Ankele und Wagner anders beantworten als deren Kritiker, die sich nicht nur bei der Demokratie AG finden. Ein Beispiel von vielen: Ein Jahr ist es her, dass Ankele kurz davor stand, die Arbeit mit einem 18 Jahre alten Aussteiger David (Name geändert) erfolgreich zu beenden. Der früher gewalttätige Teenager hatte inzwischen die Szene weit hinter sich gelassen und eine Ausbildung begonnen, seine Freundin war schwanger. Vor allem linke Initiativen, so Ankele damals, forderten eine lange Haftstrafe für den Ex-Nazi – unisono mit lokalen Rechtsextremisten, die den „Verräter“ ebenfalls im Gefängnis sehen wollten. Heute sitzt David die Strafe mit täglichem Freigang ab.
„Einmal Nazi, immer Nazi.“ Exit-Chef Wagner sagt, dass dieses Denkmuster es der Demokratie AG unmöglich mache, Ankeles Arbeitsweise zu akzeptieren. Mit Präventionsangeboten wende man sich dort vor allem an Menschen, die sowieso schon demokratisch gefestigt seien. Von Neonazis halte man sich fern, sie seien ja das Feindbild. Wer Aussteigern helfen wolle, müsse über diesen Schatten springen können. „Stattdessen wird moralisiert.“
Der Sprecher des sächsischen Innenministeriums kennt das Schreiben, man wolle es aber nicht kommentieren. Dass die Verantwortlichen in Dresden allerdings keine Fans von Ankeles Arbeit sind, lässt sich vermuten. So startete das Ministerium im Oktober ein eigenes Aussteigerprogramm, zuvor wurde per Ausschreibung ein erfahrener Projektpartner gesucht. Auch Ankele bewarb sich – und erhielt bis heute keine Antwort. Inzwischen habe das Innenministerium einen Partner gefunden, hieß es auf Nachfrage. Im Oktober begann die Arbeit.
Auf der Internetseite des Aussteigerprogramms Sachsen werden Neonazis aufgefordert, eine Handynummer anzurufen, wenn Sie aus der Szene raus wollen, im Impressum wird das Innenministerium angegeben. Bisher habe sich noch kein Aussteiger gemeldet, erklärte der Sprecher der Seite. Ankele wundert das nicht. Auch ihn habe auch noch kein Ausstiegswilliger auf dem Handy kontaktiert. „Deshalb gehe ich ja zu denen.“
Derzeit stehe Ankele „zwischen Baum und Borke“, geht es um die Zukunft seines Projektes und damit der Aussteigerarbeit in ganz Sachsen. Staatliche Förderung hat er zuletzt vor drei Jahren bekommen, seitdem hält er sich mit Honoraren aus Vorträgen, Spenden und Vereinsbeiträgen über Wasser. Neue Förderer zu finden, sei durch das Positionspapier unwahrscheinlicher geworden. „Irgendwie wird es schon weiter gehen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie“, sagt er. Bernd Wagner gruselt es inzwischen, schaut er nach Sachsen. „Die einzigen, die was von dieser Aktion haben, sind die Nazis.“
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